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Ringeradler trauern um Meister des Ringkampfes - Eberhard Probst


Halle, den 11.02.2024.


Ein sehr persönlicher Abschiedsbrief vom "Meister des Ringkampfes - Eberhard Probst":


Sehr geehrter Herr Probst, lieber Eberhard,

der ein oder andere wird sich wundern, warum ich Dich so anspreche, eine in Ostdeutschland aber übliche Respektsbekundung gegenüber Trainern/ Kampfrichtern/ Funktionären, die leider heutzutage vollkommen zu unrecht aus der Mode gekommen ist.

Als ich mich 2005 bei den DMM in Hofstellen um die Kampfrichter- Bundeslizenz bewarb und ehrfürchtig "Herr Probst" zu Dir und "Herr Albrecht" zu Fredi und vollkommen selbstverständlich "Sie" zu Euch sagte, entgegnetest Du mir mit: "Martin, sag Du." Dies fiel mir zu Anfang schwer, wurde später aber, als wir als Kollegen zusammenarbeiteten normal - die Hochachtung und der Respekt blieb.

Während ich im Rahmen dieser Deutschen Meisterschaft dann als Punktrichter eingesetzt war und einem erfahrenen Trainer mit den Worten begegnete, ich müsse meine Entscheidung ihm gegenüber nicht begründen, erhielt ich einen ersten, ordentlichen Ordnungsruf von Dir: "Was bildest Du Dir ein, einer solchen Persönlichkeit mit solcher Arroganz zu begegnen." (Lerne: Wir (jungen) Kampfrichter schulden: Disziplin, einen korrekten Umgang und müssen unsere Entscheidungen stets auf der Basis des Regelwerks begründen können.)

2007 leitete ich einen Kampf während einer Deutschen Meisterschaft in Berlin, in jener Halle, die Du als Sportler während einer Europameisterschaft erlebtest. Als ich kurz vor Schluss in eine super Aktion hineinpfiff und den Kampf unterbrach, da mir von außen die Passivität bestätigt wurde, kam es am Samstagmorgen bei der routinemäßigen Kamprichterbesprechung vor versammelter Mannschaft und im Beisein von Bundestrainer Alexander Leipold zum zweiten, ordentlichen Ordnungsruf: "Martin, bleib ruhig, lass die Ringer den Kampf bestimmen und Aktionen gehen immer vor. Das musst Du einfach spüren..." (Lerne: Der Ringkampf und deren Aktionen stehen im Vordergrund.)

Als ich mich im Laufe meiner Kampfrichterlaufbahn dazu entschloss, dem Ringen in Brandenburg auch in der Funktion als Geschäftsführer zur Seite zu stehen, erhielt ich einen deftigen dritten Ordnungsruf: "Martin, bist Du verrückt? Kümmere Dich um Deine Frau, die Kinder, Deinen Job und die Pfeiferei. Was willst Du denn noch alles machen?" (Lerne: Fokussiere Dich. Du kannst niemals alles auf einmal.)

Nach den Olympischen Spielen der Jugend 2014 in Nanjing/ CHN beendete ich auf allen Ebenen meine Kampfrichtertätigkeit - für Dich ein Schock. Vermutlich habe ich Dich und andere verletzt, da ich mit stringenter Konsequenz aller "Iceman" durchzog, was ich entschieden habe. Wenn ich Dich und andere damit enttäuscht habe, tut es mir Leid.

Ich konnte nunmehr nichts anderes mehr tun, als mich mit Deiner beeindruckenden Persönlichkeit und Lebensgeschichte anlässlich Deiner Verabschiedung als Kampfrichter zu beschäftigen und die unten nochmals erscheinende Laudatio schreiben. Als wir zum Jahreswechsel miteinander telefonierten, ahnte ich nicht, wie schlecht es Dir wieder geht und dass es das letzte Mal sein würde, dass wir miteinander sprechen. Jetzt sitze ich mit Tränen in den Augen hier und möchte für ganz Ringer- Deutschland, für die Ringeradler Brandenburgs und ganz persönlich: DANKE sagen und mich verabschieden. 


Lieber Eberhard, du bist gegangen wie du warst: ganz leise und still, nun ruhe in Frieden. Wir sind stolz darauf, Dich als Mensch, Ringer und Kampfrichter in unseren Reihen gehabt zu haben. Jeder von uns allen hatte eine persönliche Geschichte mit Dir und diese bleibt in unseren Herzen.


Im Namen und Auftrag der Ringeradler.

In tiefer Trauer (Dein) Martin Franke.




Laudatio zur Verabschiedung von Eberhard Probst:


Mit der Deutschen Meisterschaft der Senioren im griechisch-römischen Ringkampf vom 15.-17.05.2015 in Mömbris- Königshofen (HES) beendete ein „Meister des Ringkampfes“ und zugleich einer der erfolgreichsten Kampfrichter weltweit seine herausragende Laufbahn:

Eberhard Probst.

Eberhard wurde am 04. Juni 1955 in Querfurt geboren, wuchs dort auf und begann 1966 bei der BSG „Aufbau“ Merseburg das Ringen. Frühzeitig sehr erfolgreich, besuchte er die Kinder- und Jugendsportschule in Halle an der Saale und wurde 1970 in Rostock (MEV) und Tambach/ Dietharz (THÜ) erstmals DDR- Meister- Doppelmeister für den SC „Chemie“ Halle in der A- und B- Jugend. 1975 folgte der erste Senioren- Titel in seiner „Stammgewichtsklasse“ bis 68 Kg.


In der Zeit von 1970 bis 1985 sammelte Eberhard 17 nationale Einzeltitel und ist damit einer der erfolgreichsten nationalen Freistil- Ringkampf-Meister ganz Deutschlands.

Parallel dazu betrat Eberhard ab 1974 für den Deutschen Ringerverband der DDR erfolgreich internationales Parkett. Seine Medaillenliste ist lang:


  • Vize- Europameister 1974 in Haparanda/SWE

  • Vize- Weltmeister 1975 in Haskovo/BUL

  • EM- Bronze 1976 in Leningrad/UdSSR

  • der Olympischen Spiele 1976 in Montreal/CAN

  • der WM 1977 in Lausanne/SUI

  • EM- Bronze 1979 in Bukarest/ ROM

  • WM- Bronze 1979 in San Diego/ USA

  • der Olympischen Spiele in Moskau/UdSSR

  • EM- Bronze 1981 in Lodz/POL

  • WM- Bronze 1982 in Edmonton/ CAN.

Auf der Grundlage seiner herausragenden Leistungen wurde ihm 1978 die Ehre zu Teil zum „Meister der Sportes“ ernannt zu werden. Dieser Ehrentitel des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR wurde als staatliche Auszeichnung an herausragende Sportler vergeben und ist heutzutage mit dem „Silbernen Lorbeerblatt“ vergleichbar.


Daneben war er auch als Mannschaftsringer eine große Stütze, rang nach der politischen Wende noch in der Saison 1990/1991 bei der RWG Mömbris- Königshofen und wurde Vize- Mannschaftsmeister. Nach drei „German- Masters“- Titeln wurde Eberhard als Ringer- Veteran 1999 Weltmeister.

1984 begann er eine ebenso erfolgreiche Karriere als „Unparteiischer“ und entwickelte sich aufgrund seiner zurückhaltenden, sachlich- ruhigen und fachmännischen Art ab 1986 auch international zu einem der besten Kampfrichter der Welt.

Ab 2003 übernahm er die Verantwortung als Kampfrichterreferent des Ringerverbandes Sachsen- Anhalt und folgte Manfred Pfeiffer.

Zu seinen ersten Olympischen Spielen als Kampfrichter, den bis dato dritten insgesamt, wurde Eberhard 2004 nach den Europameisterschaften in Haparanda/ SWE nominiert. In Athen vertrat er gemeinsam mit seinem Freund und langjährigen Weggefährten Fredi Albrecht den Deutschen Ringerbund. Für ihn ein riesiges Erlebnis, zumal er unter anderem den Finalkampf in der 96 Kg- Gewichtsklasse leiten durfte, bei welchem der Ägypter Karam Mohammed Ibrahim Gaber seinen Gegner mit technischer Überlegenheit deklassierte. Nach diesem Duell, gratulierten ihm auch seine weltweiten Kollegen und sagten: „Man konnte bei der Siegerverkündigung richtig sehen, wie stolz du warst, diesen Ausnahmeringer zum Olympiasieger erklären zu dürfen.“

Mit den Wahlen von Manfred Werner zum DRB- Präsidenten und Antonio Silvestri zum Kampfrichterreferenten wurde Eberhard im Jahre 2005 stellvertretender Obmann.

Die Qualifikation für Peking 2008 erhielt er nach der EM in Tampere/ Finnland. Als einziger deutscher Mattenleiter durfte er den Vize- Olympia- Sieg von Mirko Englich erleben.

Bei den Weltmeisterschaften im dänischen Herning 2009 erhielt er die „Goldene Pfeife“ – die höchste Auszeichnung des Ringer- Weltverbandes für Kampfrichter.

Aber auch im beruflichen Umfeld ist der diplomierte Ökonom seinen Weg gegangen und leitet den Bereich Rechnungswesen einer kommunalen Wohnungsbaugenossenschaft in Halle.


Eberhard Probst ist ein Mensch, wie er heutzutage so manches Mal vermisst wird:

  • Er ist ein absoluter Ringkampf- Fachmann.

  • Er arbeitet vordergründig für unseren tollen Sport und hintergründig für sich selbst.

  • Er ist eine absolute Autorität und Respektsperson.

Am 04. Juni 2015 nun wird er 60. Jahre alt und sagt dem Ringkampf nach

  • rund 50 Jahren;

  • 2 Olympia- Teilnahmen, unzählbaren Medaillen bei Welt, Europa- und nationalen Meisterschaften und „Meister des Sportes“ als Ringer;

  • 2 Olympia- Teilnahmen, 19 Welt- und 19 Europameisterschaften sowie als Inhaber der „Goldenen Pfeife“ der FILA und Ehrenkampfrichter des Weltverbandes


leise „Servus“.




Text: M. Franke

Bild: privat

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