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Rio - Die Ringer stehen derzeit bei den Olympischen Spielen in Rio im Rampenlicht. Sportlich haben die die Griechisch-Römisch-Spezialisten an ihren ersten Kampftagen schon mal bewiesen, dass sie zur Weltspitze gehören. Doch auch abseits der Matte sind deutsche Funktionäre präsent und begleiten wichtige Funktionen im Weltverband UWW. So wurde Antonio Silvestri vergangenes Jahr zum Hauptkampfrichter des Weltverbandes befördert. Auch für den Videobeweis ist ein deutsches Team vor Ort zuständig. Fordert ein Trainer bei einer strittigen Szene den Videobeweis ein, so wird er von den Kampfrichtern an Ort und Stelle vorgenommen. Streitpunkte und Mißverständnisse haben seit Einführung des Videobeweises drastisch abgenommen. Der Urheber des Videobeweises, Prof. Harold Tünnemann wird am Rande der Kämpfe von Rio für seine langjährige Arbeit im Dienst des Ringkampfsportes mit dem höchsten Orden ausgezeichnet, den der Ringer- Weltverband UWW zu vergeben hat.

Doch Professor Tünnemann hat nicht nur den Videobeweis aus der Taufe gehoben, seit 1973 ist er Verfasser vieler Analysen von Europa- und Weltmeisterschaften, sowie Olympischen Spielen, die als Grundlagen im Training der Athleten weltweit genutzt wurden, aber auch zu Regeländerungen führten, die zu mehr Attraktivität führen sollten. Neben seinen vielen Schriften, darunter auch ein Buch, half Tünnemann mit die Grundlagen einer Ringer-Datenbank zu schaffen, die heute mit knapp 40.000 Athleten zu den Umfangreichsten der Ringergeschichte gehört und vom Leipziger Dr. Sandner geflegt wird.



Unser Mitarbeiter Jörg Richter sprach mit Prof. Tünnemann vor seiner Abreise nach Rio.

Wie sind sie überhaupt zum Ringen gekommen ?
Harold Tünnemann: "Mit 14 Jahren hat mich ein Freund meines Zwillingsbruders zum Ringen mitgenommen. Das Talentfindungssystem hat sich damals bedeutsam unterschieden von den aktuellen Systemen. Bei der ersten Trainingseinheit wurde mit mir die Matte ausgeklopft, so dass ich Tags darauf in der Schule den Kopf nicht drehen konnte. Die Idee der Trainer damals war, 'wer wieder kommt, bringt gute Voraussetzungen zum Ringen mit'. In den fünfziger Jahren habe ich in der Mannschaft von Traktor bzw. Dynamo Schwerin und in den 6o-gern in der DHfK-Mannschaft gerungen".

Wann haben sie mit den sportwissenschaftlichen Arbeiten für die Ringer begonnen, was waren die wichtigsten Themen ihrer Arbeit ?
Harold Tünnemann: "1970 Dissertation A zur Anwendung der mathematischen Spieltheorie im Ringen. Es ging darum, individuelle technisch-taktische Siegstrathegieanalysen zu erstellen. Zum Einsatz kam der Zeissrechner ZRA1, der damals so groß wie zwei Wohnzimmer war. Die Dissertation B befasste sich mit trainingsmethodischen Empfehlungen für die Kampfsportarten Boxen, Fechten, Judo und Ringen".

Ab wann haben sie mit dem Ringer- Weltverband zusammen gearbeitet, was waren ihre Aufgaben ?
Harold Tünnemann: "Seit 1974 arbeitete ich in verschiedenen Kommissionen mit (Trainer-, Kampfrichter- und Wissenschaftskommission). Schwerpunkt waren Trainings- und Wettkampfanalysen sowie internationale Trainerweiterbildungen.

Wieviel Sprachen sprechen sie ?
Harold Tünnemann: "Englisch und russisch".
 
Bei wieviel Olympischen Spielen waren sie dabei ?
Harold Tünnemann: "Bei 11 Olympischen Spielen, davon 2 Olympischen Jugendspielen".

Sie haben den Videobeweis aus der Taufe gehoben, wie kam es dazu ?
Harold Tünnemann: "Im Finalkampf bei den Olympischen Spielen in Barcelona führte der russische Ringer Alfred Termrktjan 2:1. In der letzten Sekunde gelang dem Norweger Rönningen eine Rolle, die wegen Zeitüberschreitung nicht bewertet wurde. Beide Ringer, beide Mannschaften, Zuschauer und Medien waren unterschiedlicher Meinung, wer den Kampf gewonnen hätte. Der damalige Präsident Milan Erzegan stellte an das Videoteam die Frage, ob man mit Hilfe der Videoaufzeichnung diese Frage klären könnte. Die Videoaufzeichnung zeigt klar, dass die Rolle korrekt eine halbe Sekunde vor Kampfende ausgeführt wurde. Rönningen wurde Olympiasieger. Bei den OS 1996 in Atlanta wurde der Videobeweis nach umfangreichen Diskussionen mit dem IOC- Sportdirektor Fely erstmalig in einer olympischen Sommer Sportart eingeführt. Inzwischen gehört der Videobeweis zum Standard in vielen Sportarten"
.
Was würden sie heute dem Ringen wünschen, was müsste aus ihrer Sicht umgesetzt werden, um diesen Sport noch interessanter zu machen ?
Harold Tünnemann: "Konsequente Fortführung der Modernisierung vor dem Hintergrund, dass Ringen als technisch-taktisch orientierte Sportart die Zuschauer mit attraktiven Würfen begeistert".

Sie leben heute mit ihrer Frau bei Schwerin, wollen sich aus dem Ringen zurückziehen kann man nach so vielen Jahren eigentlich loslassen ?
Harold Tünnemann: "Man muss loslassen können und die Erfahrungen an die Jugend weitergeben"
.
Gibt es eine Geschichte in der langen Zeit bei den Ringern, die sie ganz besonders bewegt hat ?
Harold Tünnemann: "Die Olympischen Spiele 1972 in München waren für mich bezüglich der Präsentation und Emotionalität absolut zukunftsweisend. Lebensfreude und sportlichen Höchstleistungen auf der einen Seite und der brutale Anschlag auf der anderen Seite stimmten nachdenklich und schockierten.
Eine wesentliche Lebenserfahrung war mein relativ kurzer Abstecher in die Politik. Von der Oppositionsgruppe 'Neues Forum 1989' in die letzte DDR-Regierung als Vertreter des Sports geschickt, hatte ich die Aufgabe im Rahmen des Einigungsvertrages die Zusammenführung beider Sportsysteme zu begleiten.
1990 hatte ich die Chance als Direktor des Forschungsinstituts in Leipzig zu den wissenschaftlichen Wurzeln zurückzukehren".


Jörg Richter

 

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